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"Deutschland in der Stromwüste"

Mit Kiwi hat Dr. Christian Bogatu in der Immobilienwirtschaft für Aufsehen gesorgt. Mittlerweile ist er mit seinem neuen Start-up Fresh Energy dabei, in der Energiewirtschaft Eindruck zu machen. Über seine Ziele und Branchenvergleiche sprach immobilienmanager mit ihm im Interview.

Daniel von Gaertner und Christian Bogatu (rechts) wollen mit Fresh Energy die Energiewirtschaft verändern (Foto: Fresh Energy)
Daniel von Gaertner und Christian Bogatu (rechts) wollen mit Fresh Energy die Energiewirtschaft verändern (Foto: Fresh Energy)

Herr Bogatu, nach dem Erfolg mit Kiwi haben Sie mit Fresh Energy gleich ihr nächstes Start-up gegründet. Warum nach dem Immobiliensektor nun die Energiebranche?
Christian Bogatu: Vor 20 Jahren habe ich Energietechnik studiert und wollte schon immer in diesem Bereich etwas machen. Nach dem Studium war ich dann aber erst einmal im Silicon Valley, anschließend fünf Jahre bei McKinsey. So war ich nie tatsächlich im Energiesektor tätig.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie mit Ihrem mittlerweile bereits fünften Start-up doch noch „Heim gefunden“ haben? C hristian Bogatu: Vor zweieinhalb Jahren hat mich der RWE-Konzern gefragt, ob ich den damaligen Vorstandsvorsitzenden und sein Team im Rahmen des Digital Transformation Boards zur Digitalisierung beraten könne. Das habe ich gemeinsam mit fünf anderen Beratern während meiner Kiwi-Zeit gemacht. In diesem Board haben wir auch den Weg von RWE zu Innogy begleitet, was eine sehr spannende Zeit gewesen ist.

Anschließend haben Sie sich bei Kiwi auf einen Posten im Aufsichtsrat zurückgezogen. Ein Schritt mit schwerem Herzen?
Christian Bogatu: Als klar war, dass wir mit Karsten Nölling als CEO Kiwi in die besten Hände übergeben konnten, war dieser Schritt für uns drei Gründer ganz einfach. Anschließend bin ich mit Innogy ins Gespräch gekommen. Der Konzern hat mir vorgeschlagen, gemeinsam mit dem Gründer Daniel von Gaertner Fresh Energy auszugründen. Die eigentliche Idee stammt aus dem Innogy Innovation Hub und Daniel hatte sie bereits neun Monate als internes Venture Development vorangetrieben. Ich bin zum April 2017 eingestiegen, als es das Go für ein normales ausgegründetes Start-up gab, das wir am Kapitalmarkt frei aufstellen – mit Innogy dann als Minderheitsgesellschafter.

Was ist die Idee hinter Fresh Energy?
Christian Bogatu: Wir können die gesamte Energiebranche in eine positive Richtung verändern. Die Idee ist es, Mehrwerte zu generieren, die auf Smart Meter Daten basieren. Das Ganze mit höchster Sicherheit und höchstem Datenschutz. Unsere Kunden profitieren von neuen Mehrwerten, die sie ohne Smart Meter nicht hätten. Das basiert alles auf einem smarten Stromzähler und auf Künstlicher Intelligenz. Die Kunden schließen mit uns einen Stromvertrag ab und wir tauschen den alten Stromzähler gegen einen modernen Smart Meter aus.

Welche Mehrwerte können Sie Kunden denn dadurch anbieten?
Christian Bogatu: Dazu zählt zunächst einmal die Transparenz über den eigenen Stromverbrauch, die die Kunden bislang ja gar nicht haben. Der Stromverbrauch ist heute eine komplette Blackbox. Als Kunde weiß ich gar nicht, wie viel Strom ich eigentlich verbrauche und welches Gerät wie viel Strom frisst. Ich bekomme einmal im Jahr eine Rechnung, die ich nicht verstehe und muss dann meist auch noch nachzahlen. Diese Situation ist eigentlich unhaltbar und in vielen Ländern so gar nicht mehr gegeben. Was die Transparenz beim Verbrauch anbelangt, befindet sich Deutschland da ein Stück weit in der Stromwüste. Das wollen wir ändern. Der Kunde soll verstehen, wofür er zahlt. Unsere Kunden können in jeder Sekunde genau sehen, wie viel Strom sie verbrauchen, welche Geräte die Stromfresser sind und welche einfachen Stromsparmöglichkeiten es gibt.

Wie lässt sich so etwas technisch umsetzen?
Christian Bogatu: Hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel, die wir teilweise auch durch Kooperationspartner nutzen, denn wir wollen das Rad ja nicht neu erfinden. Einfach gesagt, können Sie über den Einschaltstrom eines Gerätes erkennen, ob es sich um den Kühlschrank oder die Waschmaschine oder ein anderes Gerät handelt. Das ist fast wie ein Fingerabdruck. Natürlich mit höchster Sicherheit und Datenschutz.

Die Transparenz ist das eine, welche Mehrwerte haben Kunden außerdem?
Christian Bogatu: Hier kommen wir zu dem, worum es bei Fresh Energy wirklich geht. Mit Mehrwerten meinen wir Vorteile für die Kunden, die auf den Stromnutzungsdaten basieren, aber nicht immer mit Strom zu tun haben müssen. Wir können den Kunden zum Beispiel eine Energieeffizienzanalyse anbieten, in der wir analysieren, wie sie Strom sparen können und welche Geräte sie eventuell austauschen sollten. Oder wir schicken ihnen nach einer bestimmten Anzahl an Spülgängen der Spülmaschine automatisch neue Tabs für ihre Maschine zu. Über den Stromverbrauch lassen sich solche smarten Mehrwerte problemlos umsetzen. Natürlich machen wir so etwas niemals unaufgefordert, sondern nur, wenn ein Kunde diesen Service nutzen möchte. Oberste Maxime lautet: Die Daten gehören ausschließlich den Kunden und nur sie entscheiden individuell, was damit passieren soll.

Es gibt auch ein Beispiel im Bereich Elderly Care/Ambient Assisted Living (AAL). Was ist dort möglich?
Christian Bogatu: Unser Smart Meter kann herkömmliche AAL Sensoren ganz einfach ersetzen, indem wir den normalen Tagesablauf von Oma Erna erfassen. Sie steht zum Beispiel seit Jahren immer morgens zwischen zehn vor sieben und zehn nach sieben auf und kocht sich ihren Tee. Wenn sie nun bis sieben Uhr dreißig noch immer keinen Wasserkocher und kein Licht angemacht hat, können unterschiedliche Alarmstufen ausgelöst werden, die der Kunde vorher festlegt. Zum Beispiel könnte die erste Stufe sein, dass ein Angehöriger eine Nachricht auf sein Mobiltelefon erhält, so dass er bei Oma Erna anrufen oder vorbeifahren kann. Reagiert der Angehörige nicht bis Viertel vor acht, wird der Pflegedienst benachrichtigt und so weiter. Bisherige Notsysteme erinnern da eher an Big Brother mit Sensoren, Kameras, Tagestasten oder ähnlichem - mit überschaubarem Erfolg übrigens.

Bleiben diese Angebote exklusiv für Kunden von Fresh Energy?
Christian Bogatu: Wir haben ein White Label Produkt, das jeder Stromanbieter seinen Kunden anbieten kann. Sollte zum Beispiel Innogy unsere Leistungen gut finden, sprechen wir über 23 Millionen Kunden in Europa. Derzeit erhalten wir zwei bis drei Anfragen pro Woche von deutschen und internationalen Stromversorgern. In Kürze werden wir Verträge publik machen können, die wir bereits in den letzten Monaten unterzeichnet haben.

Welche konkreten Ziele setzen Sie sich?
Christian Bogatu: 100.000 Nutzer bis Ende des Jahres sind unser Ziel. Außerdem haben wir eine eigene Stromlizenz beantragt, so dass unsere Kunden ab 1. Juni direkt von uns beliefert werden. Aktuell haben wir 17 Modelle für Mehrwerte, die sukzessive entwickelt werden.

Wie lassen sich in Bezug auf Digitalisierung die Immobilienwirtschaft und die Energiebranche vergleichen?
Christian Bogatu: Beide sind sich recht ähnlich in ihren Denkmustern. Wir sehen, dass es starke Symbiosen zwischen beiden Branchen gibt. Zum Beispiel gibt es Wohnungsunternehmen, die jetzt auch Stromanbieter sind. Energiethemen wie Mieterstrom sind zunehmend wichtig für Immobilienunternehmen.

Wo steht die Immobilienwirtschaft im Prozess der Digitalisierung?
Christian Bogatu: Das Bewusstsein für die Digitalisierung hat in den vergangenen zwei Jahren stark zugenommen. Das hat dazu geführt, dass sich die Vorstandstüren der Immobilienunternehmen für Proptechs heute schneller öffnen. Durchgehen und performen müssen die Start-ups aber genauso wie früher.

Das Interview führte Markus Gerharz.

29.05.2018