zurück

Der Kaktus muss zu Hause bleiben

Flexible Büros liegen nicht nur an den Top-Standorten im Trend – auch außerhalb der Großstädte sind sie keine Seltenheit mehr. Eine neue Studie sieht in der lokalen Wirtschaft den großen Nutznießer der Entwicklung. Für die Arbeitnehmer gibt es allerdings eine Kehrseite.


Der klassische Bürokaktus: Für individuelle Einrichtung ist im flexiblen Arbeitsraum kein Platz mehr (Bild: Rares Cimpean / Unsplash)
Der klassische Bürokaktus: Für individuelle Einrichtung ist im flexiblen Arbeitsraum kein Platz mehr (Bild: Rares Cimpean / Unsplash)

Blechlawinen auf den Autobahnen, überfüllte Busse und Bahnen, Verkehrschaos in der City. Millionen Arbeitnehmer haben lange Wegstrecken zu bewältigen, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Der tägliche Pendler-Wahnsinn kostet nicht nur wertvolle Zeit, sondern kann tatsächlich – zum Beispiel in Form von „Dauerstress“ – gesundheitliche Auswirkungen haben.

Die "Flex Economy" könnte dem Spuk in Zukunft ein Ende bereiten: Flexible Büros in Vororten, weit vor der Toren der Großstädte. Immer mehr Arbeitgeber bieten solch flexible Arbeitsmöglichkeiten außerhalb ihrer in den Ballungsgebieten befindlichen Zentralen an. Vorreiter dieser Entwicklung sind vor allem große Unternehmen wie Google, Lufthansa oder Siemens. Sie richten flexible Arbeitsplatzlösungen ein – im Idealfall am Wohnort der Arbeitnehmer.

Die Wirtschaft gewinnt
Gerade für Unternehmen mit vielen Mitarbeitern bedeutet die effizientere Sitzplatzverteilung eine hohe Kostenersparnis. Ein gewichtiges Argument für Anbieter flexibler Büros – wie zum Beispiel Regus. Das Unternehmen hat eine Studie über die Auswirkungen von Flex Offices in Städten und Vororten in 19 Ländern in Auftrag gegeben. Demnach kommt die Einführung von Coworking Centern in einem Vorort besonders der lokalen Wirtschaft zugute. Heimische Dienstleister und der Einzelhandel profitieren, wie etwa Bauunternehmen, Gastronomiebetriebe oder Reinigungsfirmen.

Die gesamte Region werde stimuliert: in Gemeinden mit flexiblen Büros werden im Durchschnitt 121 neue Arbeitsplätze geschaffen. Dadurch fließen 9,63 Millionen US-Dollar direkt in die lokale Wirtschaft. Einer Prognose zufolge, könnten bei Fortsetzung des Trends bis 2029 insgesamt mehr als drei Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden. 254 Milliarden Dollar Bruttowertschöpfung werden laut der Prognose in die lokale Wirtschaft fließen. Allein in Deutschland wären es fast zwölf Milliarden Euro.

Platz am Fenster oder unter der Klimaanlage?
Für Arbeitnehmer kann die neue Flexibilität deutlich angenehmere Arbeitsbedingungen bedeuten, insbesondere in Hinblick auf die Wegstrecken: Wirtschaftlich und zeitlich trägt sie zu Ersparnissen bei. Das wiederum wirkt sich positiv auf die Produktivität aus. Die Vorteile liegen also auf der Hand.

Jedoch birgt die Entwicklung auch einige Nachteile. So handelt es sich bei Coworking Spaces meist um Großraumbüros mit „Desksharing“ Prinzip. Der Arbeitsplatz ist also täglich frei wählbar. Das bedeutet in der Praxis: Wer zuerst kommt hat den besten Platz am Fenster, wer zu spät kommt sitzt unter der Klimaanlage oder direkt neben der Tür. Ein Umstand, der sich durchaus negativ auf die Produktivität auswirken kann.

Stress im Büro oder auf dem Weg?
Auch auf die Personalisierung des Arbeitsplatzes muss weitreichend verzichtet werden. Für individuelle Einrichtungsgegenstände – wie den eigenen Bürokaktus oder das Familienfoto auf dem Schreibtisch – ist im flexiblen Arbeitsraum dauerhaft kein Platz mehr. Laut einer Studie des Gensler Research Institute verstärkt in Deutschland aber die traditionelle, individuelle Gestaltung des Arbeitsplatzes das fokussierte Arbeiten. Gleich nach der akustischen Konditionierung – die in Großraumbüros häufig schlecht ausfällt – zählt die Personalisierung individuell genutzter Räume zum größten Aspekt in Bezug auf die Effektivität der Arbeitsumgebung.

Um Vor- und Nachteile moderner Arbeitsplatzkonzepte ging es auch beim imfokus-Gipfeltreffen “User Experience im Büro”. Die dort gehaltenen Präsentationen können Sie hier  herunterladen.

Die mit Abstand beste physische Bürokonfiguration ist eine „offene Arbeitsumgebung mit verfügbaren privaten Raumangeboten“. Es scheint am Ende also die Ausstattung des flexiblen Arbeitsplatzes zu sein die darüber entscheidet, was besser angenommen wird: „Dauerstress“ auf dem Arbeitsweg, oder den ganzen Tag im Büro. (ts)

12.12.2019