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Das Quartier der Zukunft ist eine Gemeinschaftsleistung

Das Quartier hat das Potenzial, die Weichen für die erfolgreich digitalisierte Stadt der Zukunft zu schaffen – wenn Wohnungswirtschaft und andere Akteure zusammenarbeiten und Grundlagenarbeit leisten. Etwa in der Optimierung von Prozessen.

Grundlegende Prozesse im Quartier sollten digital sein: das stellt die Wohnungswirtschaft noch vor Herausforderungen (Bild: SRE)
Grundlegende Prozesse im Quartier sollten digital sein: das stellt die Wohnungswirtschaft noch vor Herausforderungen (Bild: SRE)

Lange war es gemütlich für die Wohnungswirtschaft: Gewohnt wird schließlich immer – das half, sich bequem im Markt einzurichten. Doch nun wird die Luft auch hier merklich dünner. Es heißt, Kosten sparen, neue Ertragsmodelle erarbeiten und sich mit Blick auf veränderte Mieteransprüche ein Stück weit neu erfinden. Das gilt umso mehr in Ballungszentren, denn der Mieter als Veränderungstreiber lebt zunehmend in Städten. Das wird sich, trotz Corona-Pandemie, vorerst auch nicht ändern.  Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2050 mehr als 84 Prozent der Deutschen in Städten leben könnten.

Es liegt auf der Hand: Mit voranschreitender Urbanisierung wächst der Bedarf an attraktivem Wohnraum. Denn Wohnraum alleine reicht nicht mehr als Angebot. Gesellschaftliche Megatrends wie Gesundheit, Individualismus und Konnektivität verändern die Ansprüche an das Wohnen.

Innerhalb der Stadt gewinnt das Quartier an Bedeutung und bietet die Möglichkeit viele dieser Veränderungen aufzufangen und in eine Zukunftsvision zu gießen. Das Quartier ist Wohnraum, Nachbarschaft und Bezugsrahmen. Es bietet die perfekte Möglichkeit, in kleinen und großen Schritten Prozesse zu optimieren, die helfen, die digitale Transformation der Wohnungswirtschaft voranzutreiben und damit auf sich verändernde Ansprüche der Bewohner zu reagieren.

Drei Faktoren helfen dabei Quartiere erfolgreich stark für die Zukunft zu machen:

1. Die Bewohner setzen die Trends im Quartier
Was möchte der Mieter von morgen? Welche Ansprüche stellt er an sein Quartier, an das Wohnen? Will die Wohnungswirtschaft sich fit für die Zukunft machen, muss sie den Kunden in den Mittelpunkt stellen und eine Quartiersvision entwickeln, die diesen in seinen Anforderungen abholt. Dabei steht ein Aspekt besonders im Vordergrund: Der zunehmend digitale Kunde will vor allem Convenience. Ein Bespiel, an dem viele Veränderungen greifbar werden, ist das Thema Mobilität. Auch hier sind Komfort und Einfachheit gewünscht. Mobilität im Quartier soll einfach, bequem und dabei nachhaltig sein – wenig Autoverkehr vor der Haustür, schnelle Wege zu Einkaufsmöglichkeiten und Anbindung an die städtische Infrastruktur. Die Elektromobilität erfüllt diese Bedingungen und liefert innovative Lösungen und Serviceangebote: sei es das E-Lastenfahrrad im Sharing Modell oder die Ladestation für das E-Car-Sharing: Quartiersbewohner wollen zusätzliche Services und das am liebsten aus einer Hand. Quartiersakteure müssen also nicht nur Innovationen und Services entwickeln, sondern diese auch vernetzen und komfortabel gebündelt anbieten, etwa über eine Quartiers-App, über die dann direkt die Waschmaschine in der Gemeinschaftswaschküche bezahlt und das E-Auto für den nächsten Tag reserviert werden kann.

Und auch in ganz elementaren Prozessen muss neu, größer und vernetzter gedacht werden, etwa beim Thema Mietzahlung. Dominierten bisher Überweisung und Lastschrift, werden innovativere Zahlungsalternativen zunehmend wichtig und die klassische Überweisung verliert an Relevanz. Der Kunde erwartet Bezahlstrukturen, wie er sie vom Lebensmitteleinkauf oder Online-Shopping kennt. Plattformlösungen, die Wohnungsunternehmen die Einbindung alternativer Zahlungsanbieter ermöglichen, werden zu echten Möglichmachern.

2. Eine smarte Service-Vision: Vernetzung über das Smartphone
Wer in der Quartiervision reine Zukunftsmusik sieht, denkt vielleicht auch, dass die jährliche Zählerablesung nur händisch erfolgen kann. Die Wohnungswirtschaft verstellt sich selbst den Weg in eine digitalisierte Zukunft, wenn sie nicht auch ihre grundlegendsten Prozesse kritisch hinterfragt und neu denkt. Werden längst alle Lösungen genutzt, die der Markt zur Verfügung stellt? Ein Beispiel ist hier etwa die E-Rechnung, die den Austausch zwischen Wohnungs- und Energiewirtschaft erleichtert und zugleich Kundenbedürfnisse im Blick behält: Papierlose Prozesse sind effizientere Prozesse, weniger fehleranfällig, transparenter und komfortabler für alle Beteiligten. Oder Lösungen für die genannte Zählerablesung, die längst mobil und digitalisiert erfolgen kann.

Die große Aufgabe für die Wohnungswirtschaft im Quartier ist es, eine Strukturbasis zu schaffen. Dabei lohnt der Blick über den Branchen-Tellerrand hinaus, etwa im Rechnungsverkehr mit der Energiewirtschaft.

3. Zukunft gemeinsam gestalten, Branchengrenzen überwinden, Trends umsetzen
Unter dem Strich ist das Quartier der Zukunft eine Gemeinschaftsleistung. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Wohnungswirtschaft nicht alle Herausforderungen alleine meistern muss. Innovationen werden einfacher in Kooperation mit den richtigen Partnern. Dies können junge Marktteilnehmer wie Start-ups, Dienstleister wie Banken oder auch Unternehmen aus angrenzenden Branchen sein. Die Zukunft des Wohnens und der Serviceangebote muss von den Branchen und Akteuren gemeinsam gedacht werden. Für die Wohnungsunternehmen lohnt dabei besonders der Kontakt zur Energiewirtschaft. Wohnungs- und Energiewirtschaft sind wichtige infrastrukturrelevante Akteure, die die Chance (und die große Verantwortung) haben, ihren Beitrag zur Gestaltung der Stadt der Zukunft zu leisten. Diese Herausforderung werden sie nur in enger Zusammenarbeit bewältigen können

Autor: Dr. Christian Fahrner versteht sich als Wegbereiter in Sachen Vernetzung. Er ist Managing Director Strategy and Development bei der Aareal Bank und verantwortet übergreifende Produktentwicklungsthemen.

17.01.2021