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Baukultur – der Prozess entscheidet

Beim Expertengespräch kristallisierte sich schnell heraus, dass es bei Baukultur nicht alleine um Architektur und Stadtplanung geht. Vor allem die Prozesse bei Planung und Bau entscheiden über die Baukultur.

Beim Bau der Elbphilharmonie gab es eine
Beim Bau der Elbphilharmonie gab es eine "katastrophale Prozessqualität", wie Reiner Nagel, Vorstand der Bundesstiftung Baukultur, sagt. Das war ein wesentlicher Grund für die Kostenexplosion und die Bauzeitüberschreitung (Foto: By Matthias v.d. Elbe/Wikimedia CC BY 3.0)

Früher war es ein Helmut Jahn, ein Norman Foster oder ein Frank O. Gehry, neuerdings häufiger auch ein Daniel Libeskind: Städte, deren Mieter es sich leisten können, schmücken sich gern mit Stararchitekten. Auf der anderen Seite: austauschbare Alltags-Architektur, neuen Moden und Normen folgend. Und wenn es dann mal richtig groß und besonders werden soll und die öffentliche Hand zudem noch Bauherr ist, geht gern auch mal fast alles schief. Es fehlt, so die Mutmaßung, an Baukultur.

Expertenrunde Baukultur

immobilienmanager lud Experten verschiedener Bereiche ein, um über Hindernisse und Lösungswege der Baukultur in Deutschland zu diskutieren. Der Fokus lag nicht auf dem architektonischen Endergebnis, sondern auf den Prozess des Bauens und Entwickelns.

Am Bau- und Planungsprozess sind viele teils sehr unterschiedlich motivierte Seiten beteiligt. Die Immobilienwirtschaft spielt dabei eine der Hauptrollen. Darauf verweist auch Reiner Nagel, Vorstand der Bundesstiftung Baukultur: „Ihre Branche errichtet nicht nur Gebäude, sondern auch Ensembles, gestaltet ganze Quartiere und ‚macht‘ Standorte.“

Was aber ist Baukultur? „Ein weites Feld“, wie er zu bedenken gibt, um dann doch eine kurze Formel dafür zu finden: „Baukultur ist ein reflektierter, fachübergreifender Planungsprozess für gebaute Räume.“

Baukultur ist mehr als Architektur
Es geht also nicht nur um Architektur, sondern auch darum „vom Nutzer und Bürger her gemeinsam zu denken und zu gestalten“. So fordert es Bernd Heuer, der seit 40 Jahren Unternehmen und Hochschulen begleitet.

In der Praxis bedeutet das laut Peter Berner, geschäftsführender Gesellschafter des Planungsbüros Astoc, im Interesse der besten Lösungen „Schritt für Schritt zu evaluieren, was nötig ist, das Geld an die richtige Stelle zu bringen und alle Beteiligten mitzunehmen, vom Gesamtentwurf bis zur letzten Fußleiste“. Eine „Frage der Haltung“, wie KAP-Forums-Geschäftsführer Andreas Grosz es auf den Punkt bringt: „Es geht darum, Werte zu schaffen, auch solche, die sich nicht in Euro ausdrücken lassen.“

Elbphilharmonie als Negativbeispiel
Manchmal fällt es leichter, Baukultur am Negativbeispiel zu definieren. So habe die Elbphilharmonie der Baukultur einen Bärendienst erwiesen, sagt Reiner Nagel, wegen der „katastrophalen Prozessqualität“. Mit einer im Grunde sehr einfachen Ursache: „Fast keiner war verantwortlich, schlussendlich nur der gar nicht eingebundene Steuerzahler“, so Dr. Frank Billand, CIO der Union Investment Real Estate.

Die öffentliche Hand tut sich allerdings nicht nur mit der Rolle als Bauherrin schwer. „Städte brauchen einen Masterplan, aber nur die wenigsten verfügen darüber“, kritisiert Caspar Schmitz-Morkramer, geschäftsführender Gesellschafter des Architekturbüros msm. Wobei die Handikaps der Kommunen nicht zu übersehen sind. Personal wurde in der Vergangenheit vielerorts abgebaut. Bauherren müssen lange auf Baugenehmigungen warten. Die Vergabe von städtischen Grundstücken erfolgt oft noch nach Höchstpreis und nicht nach städtebaulichen Erwägungen. Die Anreize seien an vielen Stellen falsch gesetzt, meint Andreas Grosz: „Die Stadtplanung ist die vornehmste Aufgabe einer Stadt und wird doch oft nur mit einer Notbesetzung durchgeführt.“

Aber auch bei privaten Bauvorhaben liegt einiges im Argen. Oft fehlt – in Anlehnung an die neun Leistungsphasen der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) – die „Phase Null“. Gemeint ist damit die gründliche Projektvorbereitung inklusive Bedarfsplanung, angestrebten Qualitätsniveaus und städtebaulicher Einbettung. Die Bundesstiftung Baukultur fordert hierfür höchstes Augenmerk.

In Dr. Markus Wiedenmann, geschäftsführender Gesellschafter von Art-Invest, findet sie dabei einen Verbündeten: „Die Phase Null ist für uns von enormer Bedeutung, weil wir hier alle wesentlichen Entscheidungen für das geplante Projekt treffen“, so Wiedenmann. Aber weil diese Phase nicht Teil der offiziellen Honorarordnung ist, scheint die angemessene Bezahlung der damit verbundenen Leistungen eher Glückssache zu sein.

Caspar Schmitz-Morkramer berichtet, dass viele Bauherren dies offenbar dem Akquiseaufwand von Planern und Architekten zurechnen. Am meisten ärgert ihn aber, wenn in unangemessen kurzen Zeiträumen maximale Ergebnisse erwartet werden: „Komplexe städtebauliche Aufgaben erfordern Spielräume, um auch einmal querdenken zu können.“

Es hakt schon in der Ausbildung
Als zentrales Thema der Expertenrunde erwies sich die Aus- und Weiterbildung. „Baukultur kann nur entstehen, wenn die Teilnehmer über ein überdurchschnittliches Wissen verfügen und in interdisziplinären Teams überzeugend einbringen können“, bemerkt dazu Bernd Heuer. Es fehlt an Softskills und an interdisziplinär angelegten Ausbildungsgängen.

Löbliche Ausnahme wird laut Frank Billand der 2017 in Hamburg startende Masterstudiengang Real Estate and Leadership an der Hamburg School of Business Administration – gefördert von der Real Estate and Leadership Foundation. Leider sind solche Ausbildungsansätze nicht allzu häufig. Oftmals folgen die vermittelten Inhalte zudem aktuellen Trends nicht schnell genug. Dabei wäre dies wichtiger denn je, meint Jan Plückhahn von der Beos AG und Gastgeber der Runde: „Baukultur ist eng mit dem Kulturwandel verbunden. Es gilt, die Digitalisierung und andere Entwicklungen in die analoge Welt zu übertragen.“ Und deshalb sind moderne Nutzungskonzepte „wichtiger als die äußere Gestalt“.

Autor: Christof Hardebusch

02.06.2017