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Auswirkungen von Blockchain auf die Immobilienwirtschaft

Einen ersten Beitrag über Bitcoin, Blockchain und ihre Relevanz für die Immobilienwirtschaft konnten Sie hier bereits lesen. Nun räumt Viktor Weber mit Mythen und Potenzialen der Technologie auf.

Die Blockchain-Technologie: Zukunftsvision am Immobilien-Horizont (Foto: Steven Wei/unsplash.com)
Die Blockchain-Technologie: Zukunftsvision am Immobilien-Horizont (Foto: Steven Wei/unsplash.com)

In den vergangenen Monaten mehren sich die Berichte über Bitcoin und Blockchain im Kontext der Immobilienwirtschaft . Dennoch bestehen weiterhin Fehlwahrnehmungen und Halbwissen, die ein Hemmnis für eine konstruktive Implementierung der Technologie darstellen. Diese gilt es abzubauen, sodass Probleme der Technologie behoben und sinnvolle Applikationen entwickelt werden können.

Das sind die Mythen der Blockchain
Es können also nicht nur Finanztransaktionen, wie zum Beispiel bei Bitcoin, Ether oder Litecoin abgewickelt werden, sondern auch Verträge und Handlungsabläufe, wie im Falle von Smart Contracts.  Aus diesem Grund gilt es sich davon zu lösen nur Blockchain im Kontext von Finanzdienstleistungen zu betrachten, sondern man kann der unternehmerischen Kreativität freien Lauf lassen.

Was ist Blockchain im Detail? 
Blockchain, auch Distributed Ledger genannt, beschreibt eine verteilte Datenbank, welche aus komprimierten, verschlüsselten Datensätzen, den einzelnen Blocks, besteht. Die wird auf allen Speichermedien der Teilnehmer der spezifischen Blockchain nach einem Prüfverfahren aktualisiert und chronologisch gespeichert. Durch die Verwendung von kryptographischen Hashfunktionen (MD5, MD4, SHA 256 und weitere) werden die Datensätze auf eine bestimmte Größe komprimiert, sodass die enthaltenen Daten nicht mehr rekonstruiert werden können. Der somit entstandene Hash wird dem nächsten Block beigefügt, sodass die Linearität des Systems gewährleistet werden kann. Dies macht also Transaktionen rückverfolgbar.

Durch bestimmte Konsens-Algorithmen, wie Proof of Work, Proof of Stake oder andere, werden neue Datensätze von bestimmten Blockchain-Teilnehmern, bei der Kryptowährung Bitcoin durch Miner, verifiziert, und somit als neue Blocks der Blockchain angehängt sowie überall zeitgleich aktualisiert. Ein Unpermissioned Ledger hat keinen direkten Besitzer wie im Falle der Bitcoin Blockchain. Es gibt jedoch auch Permissioned Ledgers, welche von einer unbestimmten Anzahl an Besitzern kontrolliert werden, was gerade für Regierungen, Finanzinstitute und andere Entitäten relevant ist. Anhand der Besitzverhältnisse entscheidet sich somit wer Transaktionen verifizieren, authentifizieren und speichern kann.

Natürlich geschieht noch wesentlich mehr, jedoch wird an dieser Stelle klar, dass es nicht nur die eine Blockchain gibt und verwendete Daten verschiedenartig sein können. Dies bereitet den Weg für bahnbrechende Geschäftsmodelle.

Obgleich eine Blockchain relativ transparent ist, da jeder neue Block den Hash zum vorherigen Block und somit den vorherigen Transaktionen aufzeigt, ist die Identität der jeweiligen Personen oder Unternehmen anonym. Dies bedeutet, dass man zwar über eine Transaktion Bescheid weiß, sie jedoch nicht zwingend einer Person oder einem Unternehmen zuordnen kann.

Auch Blockchain bietet keine absolute Sicherheit
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Sicherheit. Im Falle von Blockchain hält sich medial der Mythos der Unfehlbarkeit und absoluten Sicherheit. Dies ist jedoch eine nicht zu haltende Hypothese, denn es gab bereits fehlerhafte Transaktionen, Hacks und Datenlecks. So wurde zum Beispiel die Distributed Autonomous Organization (DAO), ein dezentral organisierter Fonds ohne Fondsmanagement, gehackt, und 60 Millionen Dollar gestohlen.

Die Sicherheit hängt folglich von der jeweiligen Applikation, der kumulierten Rechenleistung, den Authentifizierungsverfahren für neue Blocks, den verwendeten Hash-Funktionen, Algorithmen und der programmatischen Beschaffenheit der Systeme ab.

Es wurde auch viel darüber diskutiert, ob die Durchführung des Hacks ein tatsächlicher Diebstahl war, da die Transaktion per se korrekt abgelaufen ist und der Ether lediglich in eine künstliche Parallelblockchain abgezweigt wurde. Dies hat zu Diskussionen über die Moral solcher verteilten Datenbanken geführt, da die Algorithmen eine Transaktion nicht moralisch bewerten, sondern nur auf deren Richtigkeit im programmatischen Sinne achten.

Ein weiterer Mythos, der sich hält, ist die Unveränderbarkeit einer Blockchain, die eine dauerhaft lineare Fortführung und maximale Transparenz sowie Konsistenz schaffen soll. Im Falle DAO wurde nämlich nach vielen Debatten eine Hard Fork durchgeführt, bei der eine neue Blockchain geschaffen wurde, die die unerwünschte Transaktion rückgängig machte.

Da manche Teilnehmer weiterhin an der Konsistenz des Systems festhalten wollten, wurde jedoch die alte Blockchain ebenfalls weitergeführt. Dies ist ein Sinnbild für die Komplexität und eine noch ungelöste Problematik der Technologie.

Weiterhin muss beachtet werden, dass die Blockchain nicht immer demokratisch verwaltet wird, sondern dies davon abhängt ob alle Teilnehmer alle Rechte haben oder nur ein geschlossener Kreis neue Blocks verifizieren sowie authentifizieren kann, wie bei einem Permissioned Ledger.

Aktuell keine Rechtssicherheit
Demnach operiert man in einem Raum ohne staatliche Rechtssicherheit, was gerade für die Immobilienwirtschaft problematisch ist. Ebenfalls bedenklich war ein Präzedenzfall in den USA, in dem eine Richterin aus Florida erklärte, dass geltende Geldwäschegesetze oder Regelung für illegale Geldtransfers nicht für die Kryptowährung Bitcoin gelten würden.

Eine Kryptowährung wird demnach juristisch nicht als Zahlungsmittel gewertet. Sie erklärte ferner, dass die Währung noch einen langen regulatorischen Weg vor sich habe, bis sie mit gängigen Zahlungsmitteln gleichwertig juristisch behandelt werden könne.

Video: Blockchain verstehen

Das Potenzial von Blockchains – Transaktionen, Verträge & mehr
Die Technologie ist in der Lage, Daten aller Art, relativ sicher, transparent und kosten-effizient zu speichern. Sie kann also dazu genutzt werden in verschiedenen Bereichen Intermediäre redundant zu machen, was sich zum Beispiel bei sämtlichen Transaktionen kostenmindernd auswirken würde.

Grundsätzlich können Blockchains auch genutzt werden um Besitzverhältnisse zu überprüfen, Verträge intelligent zu gestalten, Werte festzustellen und sicher zu speichern. Mit der Technologie können aber auch Daten/Werte übertragen und verliehen werden.

Je nach Modellierung der Blockchain könnte die allgemeine Datensicherheit verbessert werden. Gerade für Anwendungen im Bereich der Dokumentation von Eigentumsverhältnissen oder anderen Verträgen, wäre dies eine Revolution. Smart Contracts könnten in Zukunft konventionelle Verträge ablösen.

Im Gegensatz zu konventionellen online Bezahlvorgängen kann durch Kryptowährungen das Double Payment Problem vermieden werden. Dies bedeutet, dass der Rezipient sicher sein kann, dass eine Transaktion valide ist und nur er oder sie die Zahlung erhält. Dies hat eine erhöhte Zahlungssicherheit zur Folge, wovon gerade die Wohnungswirtschaft oder anderen Dienstleister profitieren können.

Ein weiterer Sicherheitsaspekt ist die Komplexität und Redundanz der Daten. Dies bedeutet, dass eine Änderung der Blockchain nur möglich ist, wenn ein Hacker alle Datensätze gleichzeitig verändert, wozu es extrem hoher Rechenleistung bedarf.

Da eine Kryptowährung nicht an einen Staat oder eine Währungsunion gebunden ist, entfallen Währungsschwankungen, sodass Transaktionen besser kalkulierbar und Finanzierungsrisiken geringer werden. Momentan sind Bitcoin und Co. selbst noch überdurchschnittlich volatil, jedoch wird sich dies mit steigenden Nutzerzahlen, sichereren Handelsplattformen und adäquaten Regularien bessern.

Fazit – Was noch geschehen muss
Es steht außer Frage, dass eine mittelfristige Implementierung in der Immobilienwirtschaft, aber auch darüber hinaus, Einzug finden wird. Bis dies geschehen kann, müssen noch jedoch einige der angesprochenen Punkte optimiert werden.

Gerade im Falle der juristischen Rahmenbedingungen muss die Blockchain-Technologie mit all ihren Anwendungen international übergreifend behandelt werden, sodass Nutzer eine gewisse Rechtssicherheit haben.

Eine eigene Immobilien-Blockchain?
Im Falle der Transaktionstransparenz müssten Wege gefunden werden, wie gewährleistet werden kann, dass Geldwäscheprüfung und Versteuerung unproblematisch erfolgen können. Eine mögliche Lösung wäre eine eigenständige, regulierte, jedoch dezentral organisierte Blockchain für Immobilientransaktionen.

Um die Technologie sinnhaft nutzen zu können wäre es essentiell, dass nicht nur an insularen Lösungen gearbeitet wird, sondern Regierungen, unabhängige Experten, Nutzer und Unternehmen ein ganzheitliches Konzept für eine immobilienspezifische Blockchain ausarbeiten. Dies wäre prädisponiert für ein groß angelegten Open Innovation Prozess.

Autor: Viktor Weber ist Gründer und Leiter des Future Real Estate Institute mit Sitz in München.

07.09.2016