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Auftrag ESG

Bauen, investieren und managen von Beständen: Entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Immobilienwirtschaft finden sich kleine und große Hebel für mehr Nachhaltigkeit.

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Nachhaltigkeit in der Bau- und Immobilienwirtschaft ist ein Mangel-Thema. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist nicht so, als würde zu wenig über Nachhaltigkeit gesprochen. Es mangelt wahrlich nicht an Bühnenpräsenz und Willensbekundungen – die im Übrigen in den allermeisten Fällen durchaus glaubhaft erscheinen. Woran es jedoch mangelt, sind zwei ganz wesentliche Dinge, um Nachhaltigkeit und Klimaschutz zum Erfolg zu verhelfen. Als allererstes braucht es eine klare Definition: Wann ist ein Gebäude eigentlich nachhaltig? Oder ein ganzes Portfolio? Oder ein Unternehmen? Eine einfache Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt.

Woran es ebenfalls mangelt sind mal wieder Daten, anhand derer Unternehmen ihr Tun ausrichten können. Definition und Daten: Beides fehlt oder ist in nur unzureichender Menge und Qualität vorhanden. So bleibt bislang vieles, wie es ein Marktteilnehmer gegenüber immobilienmanager formulierte, „ernsthaft bemüht, aber leider weitestgehend orientierungslos“. Mehr Orientierung in Sachen Nachhaltigkeit verspricht die EU-Taxonomie, die diverse Mindeststandards und Referenzwerte vorgibt, um die UN-Nachhaltigkeitsprinzipien umzusetzen. So soll bei der Finanzierung von Immobilienprojekten und -investments der Faktor „grün“ entscheidendes Gewicht erhalten. Erstmals werden einheitliche Kriterien für klimaneutrale Investitionen und Finanzierungen definiert. So soll das übergeordnete Ziel noch erreicht werden, die CO2-Emissionen bis 2050 europaweit netto auf null zu reduzieren.

Gekommen, um zu bleiben
Etliche Unternehmen der Branche – von der Bank bis zum Facility-Management-Unternehmen – suchen nach Wegen, ihr Geschäftsmodell nachhaltig an der Nachhaltigkeit auszurichten oder Lösungen für besseren Klima- und Ressourcenschutz anzubieten. Ein Beispiel dafür ist die Berlin Hyp, die ihr selbst gestecktes Ziel von 20 Prozent grünen Finanzierungen im Kreditportfolio bis 2020 frühzeitig erreicht hatte. „Die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten wird in Zukunft weiter steigen. Wir möchten weiter Schrittmacher für das grüne Finanzierungssegment bleiben“, sagte Bankvorstand Sascha Klaus bereits im März im Interview mit immobilienmanager. „Auch Social Bonds könnten ein neues Produkt werden.“

### IHRE CHANCE ###

Ihr Immobilienprojekt ist besonders nachhaltig? Sie haben ein Produkt entwickelt oder eine Initiative gestartet, die für mehr Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft sorgt? Dann nutzen Sie Ihre Chance auf den immobilienmanager-Award 2021 und bewerben Sie sich noch bis zum 15. November 2020 in der Kategorie Nachhaltigkeit.


Aktuell überstrahlen Corona und die Prognoseversuche der Folgen der Pandemie (nahezu) alle anderen Themen. Klimaschutz und Nachhaltigkeit stehen nichtsdestotrotz auf der Agenda von Investoren, Finanzierern und allen am Bau von Immobilien Beteiligten weiter ganz oben. Das bestätigte noch einmal eine EY-Befragung, laut der mit 85 Prozent eine große Mehrheit der Asset-Manager eine signifikante Erhöhung von Investitionen in nachhaltige Immobilien erwartet. Sechs von zehn gehen davon aus, dass mit nachhaltigen Anlagen langfristig auch höhere Renditen erwirtschaftet werden können. Allerdings waren sich die Befragten einig, dass dem gegenüber auch ein höherer Aufwand bei der Nachhaltigkeits-Due-Diligence und höhere Kosten durch regulatorische Anforderungen stehen.

Die Welt scheint sich einig, dass „grünes“ Handeln wichtig und richtig wäre – doch welchen Preis sind wir bereit dafür zu zahlen? Ein Ringen, das jeder persönlich kennt und das für Unternehmen umso mehr gilt. Für Jan von Mallinckrodt , Head of Sustainability bei Union Investment Real Estate, ist dennoch klar: „Langfristig wird jede andere Art des Investierens nicht bestehen können.“

Böses Betongold
In der gesamten immobilienwirtschaftlichen Wertschöpfungskette gibt es unter Nachhaltigkeitsaspekten viele kleinere und manche größere Hebel, die es zu bewegen gilt. Grüne Mietverträge, die eine Lösung für das Investoren-Nutzer-Dilemma abbilden, sind dafür nur ein Beispiel. Besonders augenfällig ist der Bau der Gebäude und der Einsatz und Umgang mit den verwendeten Materialien. Alleine in Deutschland werden pro Jahr über 500 Millionen Tonnen mineralische Rohstoffe verbaut, hinzukommen 26,6 Millionen Tonnen Zement. Am anderen Ende des Lebenszyklus machen Bau- und Materialschutt mit über 200 Millionen Tonnen jedes Jahr mehr als die Hälfte des deutschen Abfallaufkommens aus.

Welche der drei ESG-Dimensionen ist die größte Herausforderung? 140 Immobilienexperten gaben uns ihre Einschätzung. (Quelle: immobilienmanager.de)
Welche der drei ESG-Dimensionen ist die größte Herausforderung? 140 Immobilienexperten gaben uns ihre Einschätzung. (Quelle: immobilienmanager.de)

Als wahre Klimakiller sind Beton und Zement in den Fokus gerückt. Kein Wunder, denn pro Jahr erzeugt die Herstellung von Zement, dem wichtigsten Bestandteil von Beton, weltweit rund acht Prozent aller CO2-Emissionen. Alternativen könnten Holzoder Holz-Hybrid-Konstruktionen sein, die den Beton in Teilen ersetzen oder ergänzen.

Wie ein solches Projekt aussehen kann, hat unter anderem das mit dem immobilienmanager-Award ausgezeichnete Hochhaus Woodie in Hamburg vorgemacht. Spannend sind aber auch die vielfältigen Weiterentwicklungen von Beton, wie sie etwa in Dresden erprobt werden. Dort arbeiten Unternehmer und Wissenschaftler am derzeit größten Forschungsprojekt des deutschen Bauwesens: dem Carbonbeton. Der Carbon Concrete Composite (C³) soll wesentlich länger halten als herkömmlicher Stahlbeton und somit bis zu 80 Prozent Material einsparen. Außerdem lassen sich Carbon und Beton beim Recycling problemlos wieder voneinander trennen.

Recycling ist das Stichwort für Cradle-to-Cradle (C2C). In der Immobilienwirtschaft steht C2C noch relativ am Anfang, könnte jedoch ein wesentlicher Lösungsansatz für mehr Nachhaltigkeit sein. Gebäude werden so errichtet, dass ihr Wert über verschiedene Nutzungs- und Renovierungszyklen hinweg erhalten bleiben. Das Gebäude von heute würde zum Rohstofflager der Zukunft. Möglichst alle Materialien könnten recycelt und in weitgehend gleicher Qualität wiederverwendet werden. Etliche große Hersteller von Bauteilen wie zum Beispiel der Türen- und Fensterbauer Schüco haben ihre Produkte entsprechend zertifizieren lassen.

Wie eingangs beschrieben, mangelt es in der Immobilienwirtschaft nicht an Präsenz des Themas Nachhaltigkeit. Doch sowohl bei den Investoren als auch bei den Nutzern muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Denn gleich mehrere Umfragen zeigen, dass beide Gruppen eher verhaltene Bereitschaft zeigen, ihrem nachhaltigen Anspruch entsprechende Taten folgen zu lassen – die einen mit Renditeverzicht, die anderen etwa bei der Auswahl des Arbeitgebers oder dem Verzicht auf liebgewonnene Klimakiller im privaten Alltag. Man könnte sagen, parallel zum ESG-Dreieck (Environmental, Social, Governance) spannt sich ein zweites Dreieck auf mit den Eckpunkten Anspruch/Wille, politische Rahmenbedingungen und Handlungsbereitschaft.

Derzeit konzentriert sich in der Immobilienwirtschaft vieles auf den Umweltaspekt der Nachhaltigkeit. Doch es gibt bereits Unternehmen, die auch der sozialen Nachhaltigkeit und Verantwortung mehr Platz einräumen. Dafür ist es höchste Zeit, denn die Branche hat einen drängenden Auftrag in Sachen ESG.

Autor: Markus Gerharz

02.10.2020