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„Auch der Mieter kann und sollte einen Beitrag leisten“

Marion Paroli und Werner Harteis von Wealthcap sprechen im Interview über die Umsetzung der ESG-Strategie im eigenen Unternehmen und über die wachsenden Herausforderungen für einen Asset Manager.


Herr Harteis, als Head of ESG Corporate ist es Ihre Aufgabe, die Nachhaltigkeitsziele von Wealthcap und die ESG-Strategie durch konkrete Maßnahmen im Unternehmen umzusetzen. Das klingt nach einer Herkulesaufgabe. Wo fängt man da an?

Werner Harteis: Zunächst einmal: Wir reden hier nicht von einer großen Aufgabe, sondern von vielen kleinen, ineinandergreifenden Maßnahmen. Aber Sie haben Recht, in der Summe ist der Aufwand enorm. Nachhaltigkeit ist ein Querschnittsthema, das alle Unternehmensteile betrifft und deshalb auf allen Ebenen verankert werden muss. Daher ist es zunächst unerlässlich, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu überzeugen und auf die Ziele einzuschwören. Das gilt auch für die externen Partner. Die intrinsische Bereitschaft, eine Nachhaltigkeitskultur im Unternehmen fest zu etablieren, ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg.

Werner Harteis, Head of ESG Corporate:
Werner Harteis "In der Summe ist der Aufwand enorm" (Bild: Wealthcap)

Wie lässt sich das erreichen?

Werner Harteis: Auf keinen Fall durch Zwang, sondern nur durch Überzeugung. Dafür braucht man gute Argumente und viel Transparenz. Nebenbei bemerkt: Von vielen unserer konkreten Maßnahmen profitieren unsere Mitarbeiter auch ganz unmittelbar.

Wie sehen Ihre Ziele und Maßnahmen konkret aus?

Werner Harteis: Grundsätzlich orientieren wir uns an den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Daraus haben wir die für uns relevanten und beeinflussbaren Faktoren definiert. Darauf aufbauend haben wir uns als Unternehmen zu sieben Grundsätzen für nachhaltiges Handeln verpflichtet, von unserem Verständnis für eine nachhaltige Finanzmarktstabilität bis zur Mitverantwortung durch die Mitarbeiter. Dabei spielt selbstverständlich auch unsere Verankerung innerhalb der UniCredit-Gruppe eine Rolle. Konkrete Maßnahmen lassen sich daraus auf allen drei Ebenen von ESG, also Environmental, Social und Governance ableiten.

Können Sie uns praktische Beispiele für diese Maßnahmen nennen?

Werner Harteis: Wir haben unseren Stromverbrauch auf erneuerbare Energien umgestellt, achten bei unseren Investments auf den ökologischen Fußabdruck, unterstützen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei ehrenamtlichen Tätigkeiten oder bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bieten Gesundheitsprogramme und Jobfahrräder an und schließen Geschäftspartner kategorisch aus, die nicht unseren Corporate-Governance-Ansprüchen genügen – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Bei dem Real-Asset- und Investment-Manager Wealthcap ist ein elfköpfiges ESG-Team für die Verankerung sämtlicher Nachhaltigkeitsbelange im Unternehmen zuständig von Umwelt- und Klimathemen über Soziales bis hin zur strategischen Ausrichtung. Marion Paroli verantwortet als Head of ESG Real Estate dabei die Produkt- beziehungsweise Immobilienseite, Werner Harteis als Head of ESG Corporate die Unternehmensseite.

Damit die Nachhaltigkeitsstrategie bei Wealthcap aufgeht, muss das ESG-Team verschiedene Aufgaben erfüllen (Quelle: Wealthcap)
Damit die Nachhaltigkeitsstrategie bei Wealthcap aufgeht, muss das ESG-Team verschiedene Aufgaben erfüllen (Quelle: Wealthcap)

Solche Maßnahmen sind für die meisten Unternehmen längst eine Selbstverständlichkeit. Wo ist jetzt der Unterschied, wenn wir über eine Nachhaltigkeitsstrategie sprechen?

Werner Harteis: Natürlich, auch bei Wealthcap mussten wir nicht bei jeder Einzelmaßnahme das Rad neu erfinden. Der Unterschied liegt in der systematischen Steuerung und Dokumentierung solcher Maßnahmen, in den klaren Verantwortlichkeiten sowie der Messbarkeit der Effekte. Dazu haben wir ein eigenes IT-Tool entwickelt, das uns bei der Datenerfassung und Auswertung sehr effizient unterstützt. Das ist nicht nur für uns selbst wichtig, etwa um offene Flanken zu erkennen und zu beheben. Auch Kunden, Investoren und Ratingagenturen verlangen zunehmend, dass unsere Maßnahmen nachvollziehbar und belegbar sind – selbst getrieben von ihren Investoren sowie regulatorischen Vorgaben, die gerade beispielsweise auf EU-Ebene diskutiert werden. Ein entsprechendes Reporting ist inzwischen Voraussetzung.

Frau Paroli, auch auf Produktebene – für Wealthcap in erster Linie im Immobilienbereich – nehmen die Anforderungen seitens der Investoren, Mieter und Regulierer kontinuierlich zu. Wo sehen Sie die größte Herausforderung?

Marion Paroli, Head of ESG Real Estate:
Marion Paroli: "Jeder Stakeholder hat seine eigene Nachhaltigkeitsagenda" (Bild: Wealthcap)

Marion Paroli: Als Asset-Manager müssen wir stetig neuen und vielfältigen Ansprüchen genügen – auch beim Thema Nachhaltigkeit. Zum einen stellen wir natürlich hohe Ansprüche an uns selbst als Unternehmen, wie Herr Harteis bereits erläutert hat. Zum anderen sind wir das Bindeglied zwischen Investoren und Mietern, Finanzierung und Regulierung. Jeder Stakeholder hat seine eigene Nachhaltigkeitsagenda und möchte sich in seinem Rahmen nach Grün hin verbessern. Dabei werden unterschiedliche Wege eingeschlagen und andere Prioritäten gesetzt. Die Erwartungen sind komplex. Mit unseren Immobilien müssen wir allen Anforderungen so weit wie möglich gerecht werden.

Wie lautet Ihre Antwort auf diese Komplexität?

Marion Paroli: Wir haben zehn relevante Nachhaltigkeitskriterien für Immobilien identifiziert, mit denen wir in Summe eine sehr gute Schnittmenge der Interessen abdecken. Dazu gehören Lagefaktoren, verschiedene Aspekte der Objektqualität und zu guter Letzt Zertifizierungen. Diese Kriterien wenden wir nicht nur beim Ankauf neuer Objekte an, sie fließen auch in die Beurteilung unserer Bestandsimmobilien mit ein.

Wie lassen sich solche eher qualitativen Faktoren quantifizier- und damit messbar machen?

Marion Paroli: Leider gibt es noch keine einheitlichen Branchenstandards zur Bewertung von ESG-Kriterien von Immobilien. Derzeit gibt es zwar laufende Projekte in diese Richtung, an denen wir uns auch beteiligen, aber noch ist es nicht so weit. Deshalb haben wir ein eigenes internes Scoring entwickelt, in das unsere zehn Nachhaltigkeitskriterien einfließen. Damit können wir Nachhaltigkeitsfaktoren quantifizieren, Verbesserungen messbar nachweisen und dokumentieren und nicht zuletzt unseren Investoren und Mieter transparente Daten zur Verfügung stellen.

Nachhaltigkeit liegt also ausschließlich in der Zuständigkeit des Asset Managers?

Marion Paroli: Die CO2-Neutralität zu erreichen, betrifft ausnahmslos alle. Auch der Mieter kann und sollte mit seinem Verhalten einen Beitrag leisten, beispielsweise im Umgang mit Ressourcen und Energie. Dies als Asset Manager durchzusetzen, ist allerdings ein Balanceakt zwischen Vertrauensverhältnis und Beeinflussung des Geschäftsbetriebs. Letztlich stellen aber immer mehr Investoren ESG-Anforderungen nicht nur an ihre Immobilien, sondern auch an die Mieter darin.

02.10.2020