zurück

"Das digitale Geschäft genau im Auge behalten"

Wie sieht die Zukunft des Handels aus? Welche Bedeutung hat Online-Lebensmittelhandel und was geschieht mit unseren Innenstädten? Wir haben mit Dr. Angelus Bernreuther gesprochen, Head of Investor Relationship Management bei Kaufland.

angelus-bernreuther
Dr. Angelus Bernreuther (Bild: Kaufland)

Dr. Angelus Bernreuther ist bei Kaufland für Institutionelle Investoren und Immobilienwirtschaft zuständig. Im Interview mit immobilienmanager verrät er, wie er die Bedeutung des Online-Lebensmittelhandels einschätzt und wie er die Zukunft der Innenstädte erwartet. Für ihn ist klar, dass „der Frequenzanker in Zukunft der Lebensmittelhandel sein wird“.  

Herr Bernreuther, die Nahversorgung hat gerade im Lockdown den Status ‚systemrelevant‘. Und bereits vor Corona war der Lebensmitteleinzelhandel explizit ausgeklammert, wenn von den Problemen des Handels und der ihm zugehörigen Immobilienklasse die Rede war. Ist es nicht blauäugig davon auszugehen, dass das Online-Geschäft im Lebensmitteleinzelhandel niemals den stationären Handel ernsthaft gefährden kann?

Themenwoche "Zukunft"

Weitere Beiträge aus unserem Online-Special:

Dr. Angelus Bernreuther: Man muss sehen, dass Deutschland mit seiner polyzentrischen Struktur im Online-Geschäft weniger Skaleneffekte in der Food-Logistik ermöglicht, als das etwa in Frankreich oder UK der Fall ist. Deshalb bin ich nach wie vor der Meinung, dass das stationäre Geschäft in Deutschland stark bleibt und Online lediglich eine ergänzende Rolle spielen wird. Der Online-Handel mit Lebensmittel hat während der Corona-Pandemie zwar auch Umsatzgewinne verzeichnet, insgesamt kommt er jedoch weiterhin lediglich auf einen Marktanteil von etwa zwei Prozent.

Was heute ist, kann sich morgen ändern….

Das stimmt, deshalb tun wir alle gut daran, das digitale Geschäft genau im Auge zu behalten. Und dabei rede ich nicht alleine vom Vertrieb, sondern von der gesamten Kommunikation mit den Kunden. Auf welchen Kanälen erreiche ich meine Kundschaft und womit spreche ich sie an? Es geht um die Touchpoints von Händlern und Kunden. Wir haben als Kaufland zum Beispiel real.de übernommen und stärken damit unser Online-Geschäft.

Etliche Händler werden den neuerlichen Lockdown nicht durchstehen. Immobilieneigentümer brauchen Nutzer und Kommunen bangen um die Lebendigkeit ihrer Innenstädte. Haben Sie gerade leichtes Spiel bei der Standort-Akquise.

Ich sage es mal so, die Städte und Kommunen müssen sich fragen, wie ihre Lagen lebendig bleiben und wer in Zukunft der Frequenzbringer sein wird. Ich sage, das werden vor allem Lebensmittel und Nahversorgung sein. Gut eingeführte Handelslagen können weiter funktionieren, vielleicht mit Anpassungen und der ein oder anderen neuen Nutzung.

Das adressiert unter anderem Kauf- und Warenhäuser, die ausgedient haben. Welche Nutzungen werden wir hier bald sehen?

kaufland-studie
Ergänzend zum Interview finden Sie hier die Kaufland-Studie "Frequenzanker im Online-Zeitalter: 5 Thesen für die Zukunft des Handels"

Ein Kaufhaus braucht ja nicht unbedingt vier komplette Etagen mit Handelsnutzung. Man muss über neue Nutzungen und Mixed-Use nachdenken. Da ist vieles möglich wie Wohnen, Kultur, Gastronomie oder Büros. Jede Immobilie muss flexibel und individuell betrachtet werden. Die Erdgeschosse sollten aber unbedingt dem Handel vorbehalten bleiben, um sie als Frequenzbringer zu nutzen.

Das Gespräch führte Markus Gerharz.

01.12.2020