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„Wir orientieren uns von Anfang an international“

Im Interview erklärt Kristi Hakkaja, warum ihr Proptech Moderan vor allem deutsche Mittelständler in den Blick nimmt und warum Estland eigentlich soviele Start-ups hervorbringt.

Kristi Hakkaja: „Estland ist generell sehr fortschrittlich und bietet Start-ups gute Voraussetzungen
Kristi Hakkaja: „Estland ist generell sehr fortschrittlich und bietet Start-ups gute Voraussetzungen" (Foto: Moderan)

Frau Hakkaja, Ihr Start-up Moderan ist noch sehr jung. Trotzdem haben Sie sich gleich zu Beginn für eine internationale Ausrichtung entschieden. Warum?
Kristi Hakkaja: Aus einem simplen Grund: Unser Heimatland Estland hat rund 1,3 Millionen Einwohner. Das bedeutet für uns, dass wir keinen nennenswerten Heimatmarkt für unser Produkt haben. Insofern war die einzige Schlussfolgerung, dass wir uns direkt international orientieren. Es gibt verschiedene Bereiche in der Immobilienbranche, die sehr länderspezifisch reguliert sind. Die meisten Aufgaben im Asset und Property Management ähneln sich aber über Ländergrenzen hinweg – besonders im Bereich gewerblicher Immobilien. Weil wir uns auf einen Teil des Geschäfts fokussieren, der international sehr standardisiert ist, war es für uns kein Problem, direkt den Schritt in andere Märkte zu wagen.

Die Start-up-Szene in Estland gilt als sehr dynamisch und hat international erfolgreiche Unternehmen wie den Instant- Messenger Skype oder den Bezahlservice Transferwise hervorgebracht. Was macht die lokale Start-up-Szene so speziell?
Kristi Hakkaja: Sie ist sehr offen und gut organisiert. Die gegenseitige Unterstützung ist groß. Vor einigen Jahren wurde in Estland beispielsweise Funderbeam gegründet. Diese Plattform funktioniert wie eine Art Marktplatz für Startup- Investitionen mittels Blockchain-Technologie. Sie hilft Gründern – übrigens nicht nur aus Estland – dabei, Kapital einzusammeln. Dazu kommt, dass Estland generell sehr fortschrittlich ist, was die Digitalisierung angeht und Start-ups somit gute Voraussetzungen bietet.

Welche Rolle spielt der öffentliche Sektor dabei?
Kristi Hakkaja: Er ist ein starker Treiber: In Estland kann man seine Steuererklärung zum Beispiel in drei Minuten online erledigen und alle wichtigen Dokumente digital unterschreiben. Estland war übrigens auch das erste Land weltweit, das anderen Bürgern eine e-Residenz, also einen virtuellen Wohnsitz, angeboten hat. Die guten Bedingungen haben sicherlich dazu beigetragen, dass sich neben Skype und Transferwise im Consumer-Bereich viele weitere Erfolgsgeschichten entwickeln konnten – im B2B-Umfeld beispielsweise Pipedrive oder Erply.

Wie sind die Proptechs, zu denen ja auch Moderan gehört, derzeit aufgestellt?
Kristi Hakkaja: Noch ist die Szene in Estland sehr übersichtlich. Viele Erfolgsgeschichten gibt es noch nicht zu erzählen. Aber da sich die Immobilienbranche länderübergreifend zunehmend für digitale Innovationen öffnet, wird sich in den nächsten Jahren viel tun. Für Proptechs gilt grundsätzlich das gleiche wie für andere Start-ups in Estland auch: Der fehlende Heimatmarkt und die limitierte Finanzierung sind auf den ersten Blick schwierige Bedingungen. Die meisten Investoren kommen nicht aus Estland selbst, sondern aus dem Ausland. Dass wir keinen großen Heimatmarkt haben, würde ich mittlerweile glatt als Vorteil betrachten. Weil wir uns dadurch von Anfang an international orientieren und uns auf die Gegebenheiten anderer Märkte einstellen.

Warum haben Sie sich zunächst auf die deutsche Immobilienbranche fokussiert?
Kristi Hakkaja: Wir haben unsere Software für Immobilienmanager in kleinen und mittleren Unternehmen entwickelt, die hochprofessionell arbeiten wollen. Derzeit sehen wir für unser Produkt in der DACH-Region das größte Potenzial. In Deutschland beispielsweise gibt es viele kleine und mittelständische Unternehmen, die genau unseren Zielkunden entsprechen. Als wir 2015 angefangen haben, war für uns eine Frage zentral: Wie sieht es eigentlich auf dem weltweiten Markt für gewerbliche Immobilien aus? Wir haben mit vielen potenziellen Kunden gesprochen.

Was ist Ihnen dabei aufgefallen?
Kristi Hakkaja: Im Gegensatz zu den großen Playern gab es für die weitaus größere Anzahl kleiner und mittelständischer Unternehmen so gut wie keine sinnvollen Software-Lösungen – die bisherigen Programme waren einfach zu umfangreich. Vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlen bis heute die richtigen Tools für die Verwaltung ihrer Gewerbeimmobilien.

Was bedeutet das konkret für die Arbeit der Unternehmen?
Kristi Hakkaja: Unserer Erfahrung nach führt das im Ergebnis oft dazu, dass Informationen über Mieter und Gebäude verstreut abgelegt und unvollständig oder doppelt archiviert werden. Dadurch verpassen Immobilienmanager beispielsweise wichtige Deadlines für Mietanpassungen oder andere Verpflichtungen. Außerdem ist die Reaktionszeit auf Anfragen potenzieller Mieter oder Käufer sehr lang. Für uns war klar: Die kleinen und mittelständischen Unternehmen brauchen professionelle Tools, mit denen sie ihr Kerngeschäft besser strukturieren können.

Mit drei von insgesamt vier Mitarbeitern sind Sie momentan im Frankfurter Tech-Quartier. Was haben Sie im nächsten halben Jahr nun vor?
Kristi Hakkaja: Der Zugang zum deutschen Markt steht für uns in dieser Zeit an erster Stelle. Deshalb haben wir uns vor einigen Monaten auch beim Blackprint Proptech Booster beworben. Uns hat vor allem überzeugt, dass dieser Accelerator verschiedene Immobilien-Player aus unterschiedlichen Bereichen der Branche zusammenbringt. Für uns ist jetzt wichtig, dass wir uns ein Netzwerk aufbauen und unser Geschäftsmodell weiterentwickeln können. Das hilft uns auch international. Schließlich wollen wir auch in anderen Ländern wachsen.

12.05.2017