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Kostenexplosion bei Großprojekten

Elbphilharmonie, BER und Oper Köln: Große Bauprojekte sprengen oft den Kostenrahmen – aber längst nicht immer. Welche Immobilien Kostenfresser und welche wahre Spar-Bauten sind.

Kostenexplosion bei Großprojekten (im Bild die Baustelle der Oper Köln) sind keine Seltenheit (Foto: Raimond Spekking/CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons))
Kostenexplosion bei Großprojekten (im Bild die Baustelle der Oper Köln) sind keine Seltenheit (Foto: Raimond Spekking/CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons))

2017 wird das nichts mehr mit der Eröffnung des neuen Berliner Flughafens. Diese Meldung sorgte kürzlich bei den meisten wohl nicht mal mehr für Kopfschütteln. Letztlich ist es nur eine weitere Etappe im BER-Fiasko-Dauerlauf um Baumängel, Kostenexplosion und Terminverschiebung. Ende offen.

Berlin mag ein besonderer Fall sein. Dass Großprojekte aus dem Ruder laufen ist aber eher die Regel als eine Ausnahme. Manchmal sind die Gründe krimineller Art. Wie der Fall des vor wenigen Tagen verurteilten Ex-Chefs des Bau- und Liegenschaftsverbandes NRW Ferdinand Tiggemeier zeigt. Das Gericht hat ihn wegen Bestechlichkeit und Untreue zu sieben Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Es geht um mehrere Bauprojekte, darunter ironischerweise wohl auch das Gerichtsgebäude, in dem Tiggemeier nun vor dem Richter saß. Auch beim Landesarchiv NRW im Duisburger Innenhafen ist scheinbar nicht alles sauber abgelaufen - mehr dazu später.

Kostenexplosion auch ohne krminelle Geschäfte
Nicht das der Eindruck entsteht, bei jedem zu teuer geratenen Großprojekt seien Bestechung und Untreue die Kostentreiber. Meist reichen schon planerische und organisatorische Fehler aus, um unter dem Strich eine wahre Kostenexplosion zu bewirken.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer Studie der Hertie School of Governance. Die hat öffentliche Großprojekte seit 1960 in Sachen Kostendisziplin analysiert. Ergebnis: Statt der kalkulierten 141 Milliarden Euro verschlangen die 170 Projekte 200 Milliarden Euro. Bislang, denn einige Projekte laufen noch. Im Schnitt sind öffentliche Großprojekte letztlich 70 Prozent teurer als geplant.

Die Studie untersucht nicht nur Bauprojekte: auch Rüstungsprojekte (+87%), Energieprojekte (+136) und IT-Projekte (+394%) der öffentlichen Hand kamen unter die Lupe. Wie die Bau- und Immobilienprojekte abgeschnitten haben: acht Kostenfresser und zwei Spar-Bauten, die sogar billiger waren als geplant.

Landesarchiv in Duisburg
Von anfänglich 30 Millionen Euro auf knapp 200 Millionen Euro: Die Kostenexplosion für das Landesarchiv im Duisburger Innenhafen führte wie eingangs erwähnt zu der Verurteilung des Ex-Chefs der BLB.NRW Ferdinand Tiggemeier. Für den Landesrechnungshof lief das gesamte Verfahren "intransparent und in hohem Maße manipulationsanfällig" ab. Tiggemeier konnte trotz eines Jahresgehalts von über 230.000 Euro den kriminellen Geschäften nicht widerstehen. In diesem Fall scheint die Kostenexplosion also nicht nur planerische und organisatorische Ursachen gehabt zu haben.

Elbphilharmonie
Am 11. Januar war es soweit. Das neue Hamburger Wahrzeichen feierte offiziell Eröffnung. 2005 war man in einer ersten Machbarkeitsstudie von Gesamtkosten in Höhe von 186 Millionen Euro ausgegangen. Davon sollten die Steuerzahler 77 Millionen Euro übernehmen - am Ende waren es mit 789 Millionen Euro allerdings zehnmal so viel. Unter anderem mehr als 1.000 Änderungswünsche, gekrümmte Scheiben, für die es keine Reinigungstechnik gab, speziell geformte Rolltreppen und einiges mehr sorgten dafür, dass zwischenzeitlich die gesamte Machbarkeit angezweifelt wurde und Baukonzern Hochtief sogar die Arbeiten einstellte. Heute ist (fast) alles vergessen. „Zu teuer ja, aber sieht toll aus“. Die Empörung über die Kostenexplosion schien bei vielen Besuchern schon bei der Eröffnung größtenteils vom Elb-Wind verweht.

Berliner Flughafen
Wo soll man beim BER bloß anfangen? Kommenden Oktober sollte der Flughafen eigentlich bereits seit sechs Jahre das Eingangstor für Gäste aus aller Welt in der Hauptstadt sein. Mittlerweile hofft man, dass im Frühjahr 2018 die ersten Flieger am BER landen. Aus 1,7 Milliarden Euro Kosten (2004) sind mittlerweile bereits 6,5 Milliarden Euro geworden. Die Liste der Mängel und Verzögerungsgründe liest sich teilweise skurril: nicht enden wollende Probleme beim Brandschutz, zu kurz bestellte Gepäckbänder, Ventilatoren, die zu schwer für die Decken waren und 1.000 falsch gepflanzte Bäume, die größtenteils wieder herausgerissen werden mussten. Von dem mittlerweile erwarteten defizitären Betrieb ganz zu schweigen.

Saarlandmuseum
Verschwendung stellte der Steuerzahlerbund auch in Dortmund fest: Beim Umbau des markanten U-Turm der Union Brauerei sei bewusst eine Kostensteigerung von 53 auf 83 Millionen Euro in Kauf genommen worden, um das Gebäude zumindest teilweise als ein Highlight der Kulturhauptstadt 2010 nutzen zu können.

Schürmannbau Bonn
Beim Schürmannbau schwamm das Geld sprichwörtlich den Rhein hinab. Weil der Hochwasserschutz in der Bauphase nicht ausreichte, wurden die Fundamente beim Jahrhunderthochwasser 1993 unterspült und schwammen bis zu 70 Zentimeter auf. Handbreite Risse im gesamten Rohbau, selbst ein Abriss erschien denkbar. Vier Jahre ruhten die Arbeiten, ehe es 1997 mit Teilabriss und Wiederaufbau weiterging. Seit 2003 sendet die Deutsche Welle aus dem als Abgeordnetenhaus geplanten Bau. 2007 endete der Zivilprozess um eine der teuersten Immobilien in Deutschland. Mehr als 700 Millionen Euro hat der Bau den Bund letztlich gekostet.

Limburger Bischofsresidenz
Franz-Peter Tebartz-van Elst war wohl nur wenigen Menschen in Deutschland ein Begriff. Das änderte sich, als bekannt wurde, wie verschwenderisch der Limburger Bischof sich seinen neuen Sitz auf den Domberg bauen ließ. Auf 30 bis 40 Millionen Euro summierten sich am Ende die Rechnungen für den architektonisch auffälligen Bau. Darin enthalten solche Posten wie ein Wasserbecken für Zierfische (213.000 Euro), ein Adventskranz (18.000 Euro) oder Fensterrahmen aus Bronze mitsamt Verglasung (1,73 Millionen Euro). Der Bischof musste am Ende seinen Hut nehmen, ein ziemlich erträgliches Auskommen hat er durch das Bistum aber dennoch. Unbestätigt sind rund 7.000 Euro monatlich.

Hauptbahnhof Berlin
Ursprünglich war einmal von 700 Millionen Euro die Rede gewesen. Als der der 2006 mit sechsjähriger Verspätung eröffnete Hauptbahnhof schließlich eröffnet wurde, lagen die Kosten fast doppelt so hoch (1,2 Milliarden Euro). 200 Millionen Euro kosteten alleine die beiden Büro-Gebäuderiegel über dem Glasdach. Und: Der Bahnhof verschlingt weiter hohe Summen: 2015 musste der erst acht Jahre alte Hauptbahnhof drei Monate lang saniert werden. Die Verlängerung der Gleisüberdachung – 2006 hatte man das Dach kürzer gebaut als geplant, um rechtzeitig zur Fußball-WM fertig zu sein – ist allerdings vom Tisch. Die Kosten hätten noch einmal 145 Millionen Euro betragen.

Kölner Oper
Noch ist nicht klar, was der Umbau von Oper und Schauspielhaus in Köln am Ende kosten werden. Eines aber ist gewiss: die 253 Millionen Euro, mit denen 2011 kalkuliert wurde, werden eklatant übertroffen. Rund 400 Millionen Euro scheinen seit Ende 2016 realistisch.

Heidelberg Justizzentrum und Bundesinnenministerium
Zwei Bauten zeigen, dass man auch günstiger bauen kann: Das Justizzentrum in Heidelberg kostete fünf Millionen Euro (neun Prozent) weniger als ursprünglich veranschlagt. Und der Bau des Bundesinnenministeriums in Berlin lag letztlich 17 Millionen Euro (acht Prozent) unter dem geplanten Kostenrahmen.

Die Hertie-Studie kommt für die geprüften 87 Immobilienprojekte auf Kostensteigerungen zwischen -46 Prozent und 425 Prozent. Damit schnitten Elbphilharmonie & Co. im Vergleich mit anderen Segmenten noch gut ab. Im Schnitt lagen Immobilienprojekten damit „nur“ 44 Prozent über ihrem Kostenrahmen.

Insgesamt haben die untersuchten Großprojekte zusammen 59 Milliarden Euro mehr gekostet als geplant. Dafür könnte man noch einmal mehr als zehn Hauptstadtflughäfen nach der Methode BER bauen. Für die Autoren der Hertie-Studie sind unerfahrene Planer und eine systematische Unterschätzung der Risiken meist die größten Kostentreiber.

Autor: Markus Gerharz

14.02.2017